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BuchcoverJulia Fritz

Im Spiegel der Erinnerung. Magersucht und Genesung im biographischen Kontext
Tectum Verlag 2009
http://www.tectum-verlag.de/

Magersucht als Metamorphose

In narrativ-biographischen Interviews zeichnet die Psychologin Julia Fritz lebendige und dichte Lebensgeschichten von Frauen, die Magersucht erlebt und diese überwunden haben. Die Autorin fragt nach Vergangenheit, Gegenwart und geplanter Zukunft ihrer Interviewpartnerinnen, ihrem Erleben der Magersucht, der Zeit in der das gesamte Denken um das (Nicht)Essen kreiste sowie den Übergang zur Genesung, wie die Frauen es schafften, von ihrer Magersucht loszulassen und sich wieder - oder erstmals - einer selbstbestimmten Lebensgestaltung nach ihren Bedürfnissen zuwandten. Die Zeit des "Durchgangs" durch die Magersucht, der Weg aus der Magersucht, der Genesungs- oder Wandlungsprozess bilden einen Schwerpunkt in den Interviews. Die Frauen schildern ihre Geschichte als Übergang und Neubeginn, als Entwicklung im Vergleich zur Stagnation und dem Sich-gefangen-Fühlen in rigiden Denk- und Handlungsschemata diktiert vom Ideal der Bedürfnislosigkeit, als eine Art Metamorphose, als Wieder-in-Bewegung-Kommen, als einen Prozess des Wieder-Erlangens von Flexibilität und Handlungsfähigkeit.
Die Magersucht selbst erhält in den Erzählungen rückwirkend den Charakter eines konstruktiven Kompromisses in einem Lebenskonflikt. Dies steht in wohltuendem Gegensatz zur Tendenz vieler Essstörungs-Studien, die die pathogene Wirkung ins Zentrum stellen. Die erzählenden Frauen beschreiben ihre Erfahrungen als Chance zur psychosozialen Entwicklung, die jede auf ihre Weise für sich genützt hat.

Die Verwendung des Begriffs "Genesung" im Untertitel - als Alternative zum anspruchsvollen Begriff "Heilung" - deutet schon die zuversichtsorientierte Perspektive der Autorin im Gegensatz zur oft pessimistischen, rein problemzentrierten Herangehensweise vieler AutorInnen ("schwer heilbare bis unheilbare Krankheit mit drohendem tödlichen Verlauf") an die Thematik Magersucht an. Sie plädiert für eine Stärkung der salutogenetischen Orientierung, der Haltung "Gesundheit als Prozess und Kontinuum" im Gegensatz zur bloßen Momentaufnahme "gesund" oder "krank".

"Gewitter im Bauch"

Die Fallgeschichten und Zitate dienen nicht der bloßen Illustration von Thesen sondern bilden jede für sich ein detailreich ausgearbeitetes, berührendes Ganzes.
Mithilfe sorgfältiger Dokumentation durch ein Forschungstagebuch sowie begleitender psychoanalytischer Supervision nützt die Autorin ihre Gegenübertragungsgefühle als Erkenntnisinstrument. Die Untersuchung zeichnet sich somit durch einen hohen Reflexionsgrad der eigenen Rolle und Wirkung als Forscherin aus.
Die Rolle der empathisch Zuhörenden - dezidiert nicht der Expertin - lässt mehr und anderes erfahren als die ForscherInnen, die schon mit fertigen Theorien und Erklärungsmodellen an die InterviewpartnerInnen herantreten. Daraus ergibt sich ein immer tieferer hermeneutischer Verstehensprozess - wobei die Bedeutung der Haltung des Verstehen-Wollens ohne gleich zu bewerten nicht hoch genug für den Erkenntnisprozess eingeschätzt werden kann. Die Autorin lässt uns Schritt für Schritt an diesem Erkenntnisprozess teilhaben: Von der ersten Kontaktaufnahme über das Zustandekommen des Interviews, die Gesprächssituation, die Beziehungsgestaltung und die eigenen Empfindungen dabei bis zur Reflexion und Interpretation der Erzählungen - Satz für Satz lädt die Autorin uns ein, ihre intensive Auseinandersetzung mit den erzählenden Frauen und den transkribierten Texten nachzuvollziehen. Durch diese genaue Dokumentation und Nachvollziehbarkeit des Forschungsprozesses bietet die Untersuchung ein psychologisches Lehrbuch für genaue Beobachtung und die Thematik Forschung als Interaktion.

"Es gibt keine Nahrungsverweigerung im Vakuum. Das 'Nein' bedarf immer der Präsenz eines anderen, an den es gerichtet ist." (von Braun 1993, 140)

Die Geschichte der Magersucht zeigt sich als Vielzahl individueller Geschichten des Kampfes um Identität, Autonomie und Kontrolle. Die Leistungsorientierung und disziplinierte Körperformung der Anorexie entspricht den Idealen neoliberaler "freier" Marktwirtschaft. Nicht im Zentrum der psychologischen Fachpublikation stehen gesellschaftliche Verhältnisse, strukturelle Gewalt, das "öffentliche Körperbild" etc. Magersucht wird jedoch deutlich als Beziehungsphänomen, als immer auf ein Du gerichteter Dialog. Dieses dialogische Moment spiegelt sich in der methodischen Herangehensweise der narrativen biographischen Interviews wider.
Die tiefenhermeneutische Ebene fragt: WIE spricht die Person WARUM WORÜBER? Sie bezieht die Unvollständigkeit und Vieldeutigkeit der Alltagssprache, die daraus resultierenden Brüche, Widersprüche und Missverständnisse in die Interpretation mit ein. Der Gesprächsraum wird als Sprachraum zum Beziehungs- und Interaktionsraum, in dem sich aufschlussreiche Übertragungs- und Gegenübertragungsprozesse ereignen. Julia Fritz setzt sich intensiv mit den Metaphern und Sprachbildern ihrer Gesprächspartnerinnen auseinander. Aus den individuellen Erzählungen wird die Vielfalt der möglichen Funktionen, Sinn- und Bedeutungsebenen der Symptomatik deutlich. Die Lebendigkeit der Schilderungen und die offene, wertschätzende Herangehensweise sind beeindruckend.
Das Leiden an den widersprüchlichen gesellschaftlichen Rollenerwartungen an Mädchen und Frauen spiegelt sich wider in der Ambivalenz zwischen Anpassung und Widerstand, zwischen verzweifelt unsichtbar sein wollen und sehnsüchtig endlich gesehen (und angenommen) werden wollen. Julia Fritz beleuchtet die bei vielen AutorInnen verblassende Vaterrolle ebenso genau wie die häufig im Kontext der Schuldzuweisung stehende Mutterrolle.

Die Genauigkeit der Beobachtung vermittelt die Leidenschaft der Autorin für ihre Arbeit und die Präzision der Formulierungen macht Freude beim Lesen.
Die reichhaltige Literaturliste bietet einen guten Überblick zum Thema Anorexie, die Bilder der Photographin Renée Del Missier treten in Dialog mit dem Text.
"Im Spiegel der Erinnerung" ist ein aufschlussreiches und anregendes Werk für BeraterInnen und PsychotherapeutInnen ebenso wie für Betroffene und Angehörige.

Bettina Zehetner

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