Rezensionen
Sabine Hark (Hg.):
Dis / Kontinuitäten: Feministische Theorie.
Lehrbuch zur sozialwissenschaftlichen Frauen- und Geschlechterforschung.
2. aktualisierte und erweiterte Auflage.
Verlag für Sozialwissenschaften Wiesbaden 2007
www.vs-verlag.de
Feministische Theorie definiert sich durch ein gemeinsames Erkenntnisinteresse, das alle ihre Themen durchzieht,
nämlich die "Produktion von Wissen zur Aufdeckung und Transformation von epistemischen und sozialen
Geschlechterhierarchien". (vgl. Waltraud Ernst: Diskurspiratinnen. Wie feministische Erkenntnisprozesse die
Wirklichkeit verändern. Wien, Milena 1999, 32)
Der Sammelband "Dis / Kontinuitäten" bietet eine Auswahl von Standardtexten, die wichtige Positionen
innerhalb der feministischen Theoriedebatte darstellen, die (vor allem deutschsprachige) Diskussionen entzündeten
oder stark beeinflussten.
Klassiker wie Carol Hagemann-White, Regine Gildemeister, Barbara Duden, Regina Becker-Schmidt, Ute Gerhard, Karin
Hausen, Claudia Honegger, Judith Butler, Pierre Bourdieu, Evelyn Fox Keller, Gudrun Axeli-Knapp und Donna Haraway
sind vertreten. Die durch häufiges Zitiertwerden zum Standard gewordenen Quellentexte umfassen meist zwischen 10
und 20 Seiten, die Zusammenstellung unterschiedlicher, auch kontroverser Positionen stellt eine produktive
Vergleichsmöglichkeit dar und gibt Hinweise auf die historische Genese von Diskurssträngen.
Die Texte sind in vier Komplexe gegliedert:
Soziale Konstruktion: Wie Geschlecht gemacht wird
Wie stellen wir Geschlecht als Zweigeschlechtlichkeit täglich im Handeln, in unserer sozialen Praxis her?
Komplexe soziale Ungleichheiten: Geschlecht in Verhältnissen
Wie werden Geschlechterverhältnisse als hierarchische hergestellt und wie wirken die Diskriminierungen der Kategorien
Klasse und Ethnie/Herkunft mit der Kategorie Geschlecht zusammen, wie verstärken sich die sozialen Unterschiede
zwischen diesen drei Kategorien gegenseitig und wem nützt die Produktion dieser Ungleichheiten? (Dies würde Cornelia
Klingers Artikel "Ungleichheiten in den Verhältnissen von Klasse, Rasse und Geschlecht" aus dem Jahr 2003,
der hier leider fehlt, prägnant auf den Punkt bringen)
Symbolisch-diskursive Ordnungen: Geschlecht und Repräsentation
Die Bedeutung von Geschlechtercodierungen für kulturelle Ordnungen
Kritisches Bündnis: Feminismus und Wissenschaft
Jedes Wissen ist situiertes Wissen, es gibt kein "objektives", nicht interessengeleitetes Wissen, es kommt
auf die Bewusstmachung der zugrunde liegenden Interessen und der Standortgebundenheit an (Donna Haraway - Cyborg
Manifesto)
Die jeden Themenkomplex einleitenden Kommentare verdeutlichen, welche Fragen in den einzelnen Texten gestellt werden
und was die Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen der einzelnen Perspektiven sind.
Der neueste Text stammt aus dem Jahr 2005 (Antke Engel über queere Identitätskritik), der älteste von 1976 (Karin
Hausen über die Polarisierung der Geschlechtscharktere als Spiegel der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben),
Schwerpunkt liegt auf der Theorieproduktion der 90er-Jahre.
Ein Manko, jedoch verständlich aufgrund der Beschränkung auf einen Band: es kommen fast ausschließlich Texte von
deutschen Theoretikerinnen vor, es fehlen zum Beispiel auch den deutschen Diskurs prägende Autorinnen wie Rosi
Braidotti und Teresa de Lauretis, ein noch stärker wiegendes Versäumnis ist das Fehlen eines Textes zur breiten
feministischen Auseinandersetzung zu den Themen Gewalt und Gesundheit (z.B. Frigga Haugs frühe Kritik am
Opferbegriff - "sich opfern ist eine Tat" oder Christina Thürmer-Rohrs provokanter Text "Mittäterschaft
und Entdeckungslust" oder ihre Psychotherapiekritik "Die Gewohnheit des falschen Echos").
Die bisher dreibändige Einführung in die Frauen- und Geschlechterforschung (I: Arbeit, Sozialisation, Sexualität; II:
Methodologische Erörterungen) ist für Studierende von Universitäten und Fachhochschulen konzipiert, bietet jedoch
auch außeruniversitär feministisch Interessierten einen anregenden Einblick in den vielstimmigen und heterogenen
feministischen Diskurs. Eine Besonderheit feministischer Theorie ist die Bereitschaft, sich selbst immer wieder
kritisch in Frage zu stellen, die eigenen Bedingungen, den eigenen Standort herrschaftskritisch zu revidieren
(black, postcolonial, cultural, lesbian, queer studies) und sich weiterzuentwickeln. Ein Band mit aktuellen Beiträgen
wäre wünschenswert.
Der Sammelband ist der letztes Jahr verstorbenen Sozialwissenschaftlerin Gerburg Treusch-Dieter gewidmet, einer
Diskurspiratin, die ihre StudentInnen und KollegInnen immer wieder zu neuen unkonventionellen Denkweisen ermutigte
und in der Originalität ihres Denkens und ihres Handelns eine Inspiration für subversive neue Möglichkeiten darstellte.
Bettina Zehetner