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BuchcoverMartina Löw (Hg.in):

Geschlecht und Macht.
Analysen zum Spannungsfeld von Arbeit, Bildung und Familie.
Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2009
http://www.vs-verlag.de/

Angelika Wetterer spricht von der "rhetorischen Modernisierung" hinter der die real immer noch praktizierte Geschlechterhierarchie verschwindet.
Das Wissen und das Handeln, der Diskurs und das Schweigen über Differenzen klaffen auseinander. Angeblich sind wir doch längst gleichberechtigt, Frauen haben doch alle Möglichkeiten, so der Alltagsdiskurs. Angeblich sind alle Geschlechterdifferenzen reflektiert und wir darum frei zu wählen, wie wir leben wollen, welchen Beruf wir ergreifen wollen, ob und wie wir Familie gründen wollen. Tatsache in den allermeisten Mann-Frau-Beziehungen ist die Übernahme des weit überwiegenden Teils der (unbezahlten, wenig anerkannten) Versorgungsarbeit durch die Frau. Frauen sind durch ihre Sozialisation darauf trainiert, sich um andere zu kümmern, Bedarf an Versorgung wahrzunehmen und diesem Versorgungsbedürfnis zu entsprechen. Endlos viele Gesten und Handgriffe, kaum bemerkt, wieder und wieder machen Haus-, Pflege- und Erziehungsarbeit aus. ( "Natürlich leben wir eine gleichberechtigte Partnerschaft. Es hat sich halt so ergeben, dass ich die Wäsche wasche. Mich stört einfach das herumstehende Geschirr. Er sieht nicht, dass Staub gesaugt werden muss. Aber er kocht schon mal am Wochenende...")

Die Soziologin Martina Löw versammelt im Band "Geschlecht und Macht" Texte zur immer noch aktuellen Wirkmächtigkeit der vermeintlich überwundenen Geschlechterhierarchie. Die Themenbereiche umfassen Familie, Erwerbsleben, Karriere und Bildung.
Hervorheben möchte ich vor allem den spannenden Artikel von Regine Gildemeister und Günther Robert "Die Macht der Verhältnisse. Professionelle Berufe und private Lebensformen." sowie Mechthild Bereswills Text "Feministische Kritik oder Gender Kompetenz? Das Beispiel Gender-Training". Beide Artikel zeigen anschaulich die zeitlich parallel, inhaltlich gegenläufigen Entwicklungen von einerseits Erosion, andererseits Reproduktion von Geschlechterdifferenz als soziale Ordnungskategorie.

Gildemeister und Robert beschreiben die Retraditionalisierungsprozesse, die mit dem Zusammenziehen eines Hetero-Paares in den allermeisten Fällen stattfindet und die noch deutlich verstärkt wird durch den Organisationsbedarf eines Lebens mit Kindern. Hier wird häufig wieder biologistisch mit der "Natur" der Geschlechtscharaktere argumentiert, was die größte, da unveränderliche, Falle darstellt. Klar ist auch im Jahr 2009: Ehe und Familie wirken als Karriere-Support-Institutionen für Männer und als äußerst kostspielige Berufs-Unterbrecher- und Bremser-Institution für Frauen.

Laut Bereswill haben wir uns in den Gender-Trainings eingerichtet, wir schätzen die Geschlechterdifferenz als in seinem Spannungsreichtum produktives Potenzial und haben gelernt damit kreativ umzugehen. Verschwunden sind die leidenschaftliche Kritik an ungerechter Macht- und Ressourcenverteilung und die klare Forderung nach Veränderung, die feministische Frauengruppen mit politischem Interesse artikulierten.

Ebenfalls sehr empfehlenswert: Ursula Apitzschs Text "Die Macht der Verantwortung. Aufstiegsprozesse und Geschlechterdifferenzen in Migrationsfamilien."

Als Desiderat bleibt die Gestaltung und Anerkennung vielfältiger und gleichwertiger Identitäten, Differenzen und Lebensformen, statt der einen hierarchischen Entweder - Oder - Dichotomie.

Bettina Zehetner

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