Rezensionen
Deborah Anna Luepnitz:
Schopenhauers Stachelschweine
Psychotherapiegeschichten über die Nähe und ihre Tücken
Aus dem Amerikanischen von Antje Becker
Erschienen 2007, Psychosozial-Verlag, Gießen.
www.psychosozial-verlag.de,
233 Seiten. Gebunden. ISBN 978-3-89806-577-1 . € 23,60 (A)
Ein äußerst spannendes (Lehr-)Buch über Psychotherapie - bestens geeignet sowohl für Interessierte als auch
für PsychotherapeutInnen.
Die Autorin - Deborah A. Luepnitz Ph.D.- ist eine im deutschen Sprachraum leider noch kaum bekannte amerikanische
Psychoanalytikerin, die sich der Gruppe der Relational Psychoanalysis zuordnet (Nancy Chodorow, Susie Orbach, Luise
Eichenbaum und Jessica Benjamin, die dem Kreis auch angehören, sind in Europa weitaus bekanntere feministische
Psychoanalytikerinnen. Im Deutschen wird das, was sie vertreten mit Intersubjektivität bezeichnet. J. Greenberg,
St.A. Mitchell, G.Atwood, R.Stolorow und D. Orange sind weitere, international präsente Vertreter dieser
Intersubjektivitätstheorie.
Luepnitz lehrt an der klinischen Fakultät im Bereich Psychiatrie der University of Pennsylvania School of Medicin
und ist Mitglied des Women�s Therapy Centre Institute, New York. Bisher veröffentlichte sie "The Family
Interpreted" und war am "Cambridge Companion to Lacan" beteiligt. In Philadelphia betreibt sie
eine eigene Praxis und gründete dort vor kurzem eine Initative für die ehrenamtliche psychoanalytische Betreuung
ehemals Obdachloser. Allein diese biographische Vielfalt erweckt Vertrauen in eine, auch für gesellschaftspolitsche
Ebenen offene Person und macht neugierig, was sie wohl dieses Mal zum Besten gibt.
In dem vorliegenden Buch veranschaulicht die Autorin anhand von fünf Fallgeschichten in sehr persönlicher und
unpretensiöser Weise - verbunden mit viel Humor, was in einer Psychotherapie geschehen kann. Wobei nicht die
Klientin oder der Klient im Vordergrund stehen sondern das gesamte Beziehungsgeschehen zwischen Therapeutin
und Klient/in.
Gemäß der Intersubjektivitätstheorie gibt sie uns Einblick in die Bezogenheit, die Wechselwirkung, die sich zwischen
Therapeutin und Klient/in als zwei Subjekte im therapeutischen Prozess entwickelt.
Auf die grundsätzliche Frage: "Wie kann Reden helfen?" bekommen wir unterschiedliche spannende und offensichtlich
hilfreiche Antworten in den Fallvignetten dargeboten.
Die Vorgänge innerhalb des therapeutischen Prozesses werden in einfacher Sprache beschrieben - was ihre Professionalität
keineswegs schmälert - und werden dadurch auch für Laien gut verständlich. Darin sehe ich einen besonderen Verdienst dieses
Buches.
Eine Einladung, Psychotherapie bzw psychotherapeutisches Geschehen auch Laien, SkeptikerInnen oder AnfängerInnen
schmackhaft zu machen, Angst vor dem ungewissen Prozess abzubauen, der sich vor und zu Beginn einer Psychotherapie oft
auftut. Soweit dies durch Nachlesen überhaupt möglich sein kann, gelingt es der Autorin jedenfalls meiner Meinung nach
vortrefflich. Die 5 Fallgeschichten, übertitelt wie: "Geteiltes Bett, getrennte Träume", "Weihnachten im
Juli", Don Juan in Trenton", "Ein Darwinfink" und "Der Sündenschlucker" behandeln
Panikattacken, psychosomatische Erkrankungen, Probleme in der Partnerschaft, sexuellen Leichtsinn u.v.m.. Wie ein roter
Faden geleitet die Lesenden eine, jede Fallgeschichte abschließende Bemerkung über das jeweilige Nähe - Distanzverhalten,
wie es die Stachelschweine in der Fabel von Schopenhauer praktizieren.
Diese Fabel - frei nacherzählt von Leupnitz (S.8) - geht folgendermassen:
"Eine Horde Stachelschweine läuft an einem kalten Wintertag umher. Damit sie nicht erfrieren, rücken sie näher
zusammen. Wenn sie sich jedoch so nah sind, dass sie sich aneinanderschmiegen können, pieksen sie sich gegenseitig
mit ihren Stacheln. Um dem Schmerz zu entkommen, gehen sie auseinander, fangen aber wieder an zu frieren. Also kommen
sie sich wieder näher und der Kreislauf beginnt von vorne, in ihrem Kampf um einen erträglichen Platz zwischen Nestwärme
und Erfrieren."
Unaufdringlich eingewoben in die Schilderung ihrer Fallvignetten erklärt die Autorin die grundlegenden Unterschiede
zwischen Gesprächstherapie und einer psychoanalytischen Psychotherapie. Nämlich: die Aufmerksamkeit auf die unbewussten
Prozesse zu legen und im besonderen auf das Übertragungs-Gegenübertragungsgeschehen und auf die Widerstandsphänomene,
wie sie sich zeigen. Das alles bringt sie anschaulich ins Bild. Abstrakte theoretische Begriffe, wie sie sich im realen
Beziehungsverhalten zeigen, werden dadurch fassbar.
Eindrücklich finde ich, wie sie den hochkomplexen Vorgang der "Projektiven Identifizierung" einfach verständlich
macht (S.29). Theoretisch nimmt sie neben Freud Bezug vor allem auf Lacan, Winnicott, Chodorow und weiteren PsychoanalytikerInnen,
die sich auf die Objektbeziehungstheorien und im besonderen auf die Intersubjektivität beziehen.
In selbstverständlicher Weise nimmt sie den Zusammenhang von Außenwelt und Innenwelt ernst. Indem sie die jeweils äußere
gesellschaftspolitische Realität und Wertigkeiten ihrer KlientInnen anführt und auf den Zusammenhang mit deren inneren
subjektiven Konflikten eingeht.
Besonders angetan war ich von der Fallvignette "Don Juan in Trento". In faszinierender Weise gelingt es ihr,
die Lesenden in den Bann des interaktionellen Therapieverlaufs zwischen Patient und Therapeutin zu ziehen. Die Verzahnung
von äußeren Lebensereignissen, gesellschaftlicher Realität und innerer Verarbeitung wird spannend, geistreich und
humorvollst beschrieben. Wir können uns den Patienten mit seinem Don Juanismus lebhaft vorstellen. Vielleicht auch
deswegen, weil den meisten von uns so manches aus dem eigenen Leben bekannt vorkommt und dies folglich beim Lesen eigene
persönliche Erfahrungen wieder belebt? Es ist einfach ein lustvolles Lernen am konkreten Menschen, wie z.B. ein Traum
behutsam und langsam seine Deutung findet, wie sich eine projektive Identifikation in der therapeutischen Beziehung zeigen
kann, ebenso wie eine Depression, infolge der "talking cure" (wie Berta Pappenheim die Psychoanalyse nannte)
erst zu den verdrängten Gefühlen und a la longe zu der Vitalität des Klienten führt, oder wie verleugnete Homosexualität
transgenerational doch zum Vorschein kommt.
Wir erfahren auch, wie unterschiedliche Weltanschauungen, konkrete Begegnungen der beiden - Klient und Therapeutin - am
Beispiel Abtreibung - im Therapieprozess Gestalt annehmen kann, an welchen Stellen sich das zeigen kann und diese
gesellschaftspolitischen Ebenen als Wirkfaktoren im therapeutischen Prozess als hilfreiches Material genützt wird.
Wie die Autorin die Abstinenz reflektiert - eine selbstverständliche Forderung in der tiefenpsychologischen Haltung - könnte
gut als Diskussionsgrundlage unter KollegInnen dienen.
Interessant finde ich die Erwähnung einer Umfrage (Samuels 1993) (S.128), die grundsätzlich bestätigt, dass politische
Themen im Behandlungsraum zur Sprache kommen, allerdings unterscheiden sich die Themen von Land zu Land. So neigen
KlientInnen in Amerika dazu, Geschlechterfragen in den Sitzungen zu besprechen, Deutsche Umweltangelegenheiten, Israelis
die Ereignisse im mittleren Osten etc. (Und in Österreich, was würde die Umfrage hier ergeben ? Anm. T.E.)
Erfrischend Luepnitz Worte zum nichteinlösbaren Anspruch von Objektivität:
"(S.128)�.es wäre naiv, darauf zu beharren, dass Psychoanalyse und Psychotherapie irgendwie Aktivitäten sind, die
über der Welt und der Politik stehen. Tatsache ist, dass gerade unsere Theorien zur menschlichen Entwicklung und
therapeutischer Veränderung selbst politisch sind. Sobald wir anfangen, Verhaltensweisen auszusondern, die
"pathologisch", "verrückt" oder "unreif" sind, enthüllten wir Teile unseres Weltbilds.
Der Ödipuskomplex wird in der Form, wie er von Freud und Rank in Hinblick auf Vater, Mutter und Kind diskutiert wird,
von einigen als politisch problematisch betrachtet. Angesichts der Tatsache, dass wenn überhaupt nur die Hälfte der
amerikanischen Familien diesem Modell entsprechen, dann könnte es eine Art Verleugnung der Tatsache des sozialen Wandels
sein, auf dieser Form zu bestehen. In den vergangenen 50 Jahren haben viele TherapeutInnen dafür plädiert, den Ödipusmythos
in der Psychoanalyse beizubehalten, ihn jedoch im weitesten Sinne zu interpretieren. Andere haben empfohlen, den
Ödipuskomplex ganz abzuschaffen, denn sie sind überzeugt, dass er nur die gewalttätigen und von Rivalität geprägten
Beziehungen reproduziert, die er beschreiben will. Sicherlich werden neue Theorien und ein neues Verständnis alter Theorien
maßgeblich an der Schaffung einer neuen Art von Männlichkeit beteiligt sein - einer, die den Don-Juanismus weniger
unausweichlich macht..." Und ich ergänze, ebenso steht es an, in der Theorie eine neue und zeitgemäße Weiblichkeit
auszuhandeln. T.E.
Mit einem Satz von Leupnitz möchte ich abschliessen:
"Die Psychotherapie kann uns nicht ganz machen, aber sie kann uns ermöglichen, das Leiden in Sprache umzusetzen
und am Ende zu lernen, mit dem Begehren zu leben. Wie diese Fälle zeigen, kann sie dabei helfen, ungeheures neurotisches
Elend in alltägliche Stachelschwein-Probleme zu verwandeln."
Oder, wie Dave in der Abschlussphase seiner Therapie meint:
"Das Reden hilft, weil es zu mehr Reden führt."
Dem will ich nichts hinzufügen. Außer: dass ich mir noch viele solcher kluger und praktikabler Bücher wünsche - im
Psychosozialverlag und anderswo.
MAG.a TRAUDE EBERMANN