Rezensionen
Gerlinde Mauerer (Hg.in):
Frauengesundheit in Theorie und Praxis.
Feministische Perspektiven in den Gesundheitswissenschaften.
Bielefeld: Transcript-Verlag, 2010
http://www.transcript-verlag.de/
Die Philosophin und Soziologin Gerlinde Mauerer bietet mit diesem spannenden und vielfältigen
Sammelband einen guten Überblick über die aktuelle feministische Gesundheitsforschung. Dieses
Werk ist mit seiner ausführlichen Literaturliste sowohl für EinsteigerInnen als auch zur
vertiefenden Diskussion sehr empfehlenswert!
Die von den Autorinnen eingeflochtenen persönlichen Erfahrungen und Auseinandersetzungen mit
dem so viele Lebensbereiche berührenden Themenkomplex Gesundheit und Geschlecht machen dieses
Werk sehr gut lesbar – bin hin zum tatsächlichen Vergnügen am Lesen!
Einige Artikel möchte ich besonders hervorheben:
Sara Ahmed führt in ihrem Text "Spassverderberinnen: Feminismus
und die Geschichte des Glücklichseins" die häufig an unterdrückte Menschen
gestellte Anforderung, lächeln und fröhlich sein zu sollen, anhand feministisch-kritischer
Störungen fröhlicher Tischgesellschaften aus: "Das anwesende feministische Subjekt
verdirbt den anderen also die Stimmung, und zwar nicht nur deshalb, weil sie über unerfreuliche
Themen wir Sexismus spricht, sondern auch, weil sie enthüllt, wie das Gefühl des Glücklichseins
aufrechterhalten wird, nämlich durch die Auslöschung aller Anzeichen von Unstimmigkeiten. (...)
Feministinnen sind vielleicht die Fremden in der Tischgesellschaft des Glücks." (68) und
erinnert an das von Shulamith Firestone 1970 vorgeschlagene "Lächel-Embargo" als den
Mainstream höchst irritierende und wirksame Streikmethode zur Befreiung von Frauen aus unzumutbaren
Verhältnissen. "Es kann Spass machen, den anderen den Spass zu verderben." (80)
Birge Krondorfer verknüpft in ihrem Text "Gesundheit und Moderne
Frauen. Notate zum Körperregime" philosophische Grundlagen zum Thema mit treffenden
Zitaten aus Elfriede Jelineks Theaterstück "Krankheit und Moderne Frauen" und einer
kritisch-sarkastischen Darstellung am eigenen Leib erfahrener Disziplinierungsversuche durch
feministische Freundinnen, die in ihrer neuen Anti-RaucherInnen-Haltung genau den früher in
Frage gestellten Herrschafts- und Mainstream-Diskurs vertreten: "Weibliche Selbstbestimmung
wäre also heute der Zwang zur gesunden Selbstregierung um fit für andere zu bleiben – als
Schönheit-im-Bild, als Gebär- und Erwerbsleib, als Fürsorgekörper" (142)
Die Vielfalt der Stimmen im Diskurs um Gesundheit und Geschlecht vermittelt anschaulich das
Transkript der Eröffnungsveranstaltung "Was Frauen gut tut: Frauenpolitische Praxis,
Frauengesundheitsforschung, Feministische Theorie" vom 18.4.2008 im Verein Frauenhetz,
in der Phänomene wie Healthismus, backlash, Entsolidarisierung, Zunahme von Diagnosen und
"schönheitschirurgischen" Eingriffen.
Die Herausgeberin selbst liefert in ihrem Artikel "Weiblichkeit und (Vor-)Sorge tragen:
Wechselwirkungen zwischen Frauen- und Krankheitsbildern" eine konstruktiv-kritische Würdigung
der Komplexität von Vor-Sorgemaßnahmen und Vorsorge-Diskursen im Spannungsfeld zwischen
(Selbst-)Disziplinierung und Empowerment.
Abschließend beschreibt Gerlinde Mauerer in ihrem Nachwort in Gedenken
an Gerburg Treusch-Dieters Studio zum "Drama und Trauma weiblicher Verhaltensmuster"
sehr lebendig das zündende Feuer der Erkenntnis, das Gerburg Treusch-Dieter durch Inhalt und
Art ihres Vortrags immer wieder zu entfachen vermochte und Zuhörende dadurch zum eigenen kreativen
und ketzerischen Denken anstiftete.
Bettina Zehetner