Rezensionen
Jörg Niewöhner,
Christoph Kehl, Stefan Beck (Hg.):
Wie geht Kultur unter die Haut?
Emergente Praxen an der Schnittstelle von Medizin,
Lebens- und Sozialwissenschaften.
Bielefeld 2008 Transcript Verlag
http://www.transcript-verlag.de/
Ein kritischer und vielfältiger Sammelband für alle, die Interesse an der sozialen und diskursiven Konstruktion von
Krankheitsphänomenen (Entstehung von Diagnosen, Ätiologien, Therapie-Theorien) haben. Zwei besonders gelungene Artikel
greife ich im folgenden heraus.
Christoph KEHL: Die Verdrängung der Verdrängung.
Das Gedächtnis im Spannungsfeld biologischer und
psychoanalytischer Deutungsmuster.
Anhand zweier "Krankheiten des Gedächtnisses/ Störungen der Erinnerungsfunktionen", Alzheimer-Demenz und
Posttraumatische Belastungsstörung wird die soziopolitische Dimension dieser beiden Diagnosen analysiert. Beide sind
aktuell sehr präsent in den Medien ("Alzheimer - die Epidemie des 21. Jahrhunderts?"), beide haben sehr
unterschiedliche historische Wurzeln sodass sich in beiden Feldern jeweils eigene methodische und konzeptionelle
Zugänge zum Gedächtnis herausgebildet haben:
Die Alzheimer-Forschung interessiert sich vor allem für die physiologisch-molekulare Grundlagen der Erkrankung, im
Gegensatz dazu gilt PTSD ("post traumatic stress disorder") als psychogene Krankheit und traditionell
stehen darum psychische Merkmale von Erinnern und Vergessen im Zentrum der Traumaforschung. Die beiden Konzepte
spiegeln konträre Paradigmen in Ätiologie und Therapie wider, AD und PTSD bilden somit vielschichtige
Krankheitsphänomene, die durch sich dynamisch entwickelnde konkurrierende medizinische Praxen und Diskurse
hervorgebracht werden (z.B. Gentechnologie/ bildgebende Verfahren - "Reparatur/ Löschung",
Psychopharmakologie und Psychotherapie/ EMDR "Integration des Unbewussten/ Heilung").
- Wie entstehen nun solche Diagnosen und die zugehörigen ätiologischen Theorien/ Paradigmen ("Wahrheitsregimes" Foucault) und was sind die gesellschaftlichen Bedeutungen die damit impliziert werden?
- Was bedeuten Konzepte wie "verdrängte Erinnerungen", "Unbewusstes" im gesellschaftspolitischen Sinn (laut Neurowissenschaft: kulturelles "Symptom"als Projektion, das wissenschaftlicher Erklärung nicht standhält)? z.B. Konzept PTSD verknüpft mit Kriegsschuld Einzelner oder ganzer Nationen oder sexuellem Missbrauch - Tabuthema, Schuld- und Wahrheitsdiskurs
Harald KLIEMS: Vita hyperactiva ADHS als biosoziales Phänomen.
ADHS - Aufmerksamkeitsdefizit/ Hyperaktivitätsstörung wird seit einigen Jahren auch bei Erwachsenen diagnostiziert,
neues Phänomen, gesellschaftliche und politische Bedeutung einer solchen Entwicklung von Krankheitsdefinition über
Theorien zur Entstehung bis hin zu Therapieansätzen (Foucaults "Biopolitik" - Normalität und Pathologie -
Definitions- und Regulierungsmaßnahmen, z.B. ab wann werden Symptome zum krankheitswertigen Syndrom?)
Diagnosekriterien - wie entsteht eine solche Diagnose und die zugehörigen ätiologischen Theorien? Bedingungen und
Funktionalität der Herstellung von "Krankheits-" und "Gesundheits-" Definitionen, z.B.
gesellschaftskritische Überlegungen zur Krankheitsentstehung (allg. Beschleunigung) oder Individualisierung
(psychodynamische Theorien, "die Mutter ist schuld, zuviel oder zuwenig Aufmerksamkeit, zu nahe, zu distanziert
etc.", genetische Theorien - Risikofaktoren schaffen ein potenziell unendliches "Risikoterritorium")
- gesellschaftspolitisch notwendig ist es, hier nach den Interessen zu fragen: wem nützt welche Erklärung? (z.B.
Psychopharmakaindustrie: Ritalin etc.)
Bettina Zehetner