Rezensionen
Gabriele Rohmann(Hg.):
Krasse Töchter.
Mädchen in Jugendkulturen.
Archiv der Jugendkulturen Verlag Berlin 2007:
www.jugendkulturen.de
"Grrrl bringt das Knurren zurück in unsere Miezekatzenkehlen. Grrrl zielt darauf, die ungezogenen,
selbstsicheren und neugierigen Zehnjährigen in uns wieder aufzuwecken, die wir waren bevor uns die
Gesellschaft klar machte, dass es an der Zeit sei, nicht mehr laut zu sein und Jungs zu spielen sondern
sich darauf zu konzentrieren, ein 'girl' zu werden, das heisst eine anständige Lady, die die Jungs
später mögen würden." *
Gleich vorweg: dieses Buch ist wunderschön gemacht, reich an Inhalten, Bildern und Illustrationen, ein
visuelles Vergnügen vom silbernen stagediving Covergrrrl über die vielen Selbstinszenierungen und
Szenefotos bis zu den Zeichnungen der Rapperin Ill-One (www.ill-attack.de).
Vom Grrrl zur Lady: Melanie Groß liefert mit ihrem Artikel "Riot Grrrls und Ladyfeste - Angriffe
auf die heterosexuelle Matrix" den theoretisch gehaltvollsten Text des Sammelbandes. Ladyfeste
verbinden lustvoll feministisch-queere Theorie (Teresa de Lauretis und Judith Butler) mit politischen
Strategien der Frauenbewegung, guerilla action wie radical cheerleading (bei dem zur Cheerleading-Choreografie
politische Parolen gebrüllt werden) und Cyberfeminismus.
Im Mai 2007 fand in Wien zum dritten Mal ein Ladyfest "for ladyz of all gender" statt. Unter
dem Motto "play your gender / fuck your gender!" begehrten Veranstalterinnen und Teilnehmerinnen
in Konzerten, Vorträgen, Diskussionen, einem Gendermix-/Drag-Workshop und einer Sexparty gegen die auf
stereotypes Entweder-Oder einengende Zweigeschlechtlichkeit auf und praktizierten feministische, queere
und unkommerzielle Vielfalt: www.ladyfestwien.org
Die Artikel geben einen guten Überblick und spannende, durch zahlreiche Interviews angereicherte
Innenansichten verschiedener aktueller Jugendkulturen. Den originellen Schwerpunkt bilden die Texte
über Mädchen in "maskulinen", traditionell männerdominierten Subkulturen: Mädchen und junge
Frauen im HipHop, in der Heavy Metal-, Hardcore- und Rockabilly-Szene sowie in der Graffiti-,
Skinhead- und Fußballszene. Mädchen und Frauen erobern sich zunehmend ihre Plätze in den von weißer
Männlichkeit geprägten HipHop-Kultur, stellen die traditionellen Geschlechterkonstruktionen in Frage
und gestalten diese neu (Paradebeispiel Missy Elliott).
In burschendominierten Jugendkulturen haben Mädchen einen Sonderstatus mit ambivalenten
Rollenanforderungen, denen sie mit vielfältigsten Strategien begegnen. Die Auseinandersetzung mit der
Männerdomäne reicht vom Ignorieren übers Adaptieren und Ironisieren bis zum Herausfordern und
Bekämpfen.
Nicole Selmer und Almut Sülzle beschreiben in ihrem Text "Weibliche Fankulturen im
Männerfußball als Role Models für soziale Arbeit?" Praxen der Ironie und der "affirmativen
Subversion", also der subversiven Aneignung von diskriminierenden Bezeichnungen, um durch die
selbst gestaltete Verwendung deren abwertenden Gehalt zu entkräften und umzukehren in eigene
Benennungsmacht. Diese äußern sich beispielsweise in der Namensgebung weiblicher Fußballfanclubs:
"Hooligänse" (Frauenfanclub Alemannia Achen) und "TivoliTussen" (Frauenfanclub
1860 München).
Gerade die Vielfalt der Strategien der Mädchen und jungen Frauen im maskulinen Feld der
Fußballfankultur stellen eine Herausforderung für das Fußballestablishment dar: Frauen, die ein
"ganzer Kerl" sein wollen und sind ebenso wie kreischende Mädchen, denen nichts ferner
liegt als das. Besonders effektiv wird die Irritation dann, wenn sich die weiblichen Fans nicht auf
eine der beiden Seiten - Hardcore-Fan oder "Kreisch-Ecke" - festlegen lassen sondern sich
als Akteurinnen aus dem Repertoire beider Strategien bedienen (S. 157): Tough und rosa wie die Kölner
"Uschifront", eine knallpinkfarbene Zaunfahne der Fans als Anfeuerung für ihre Spieler,
die von den Mädchen bei Ermangelung erreichbarer / benützbarer Toiletten mit einem Handgriff zum
vor Blicken schützenden "Pinkelzaun" umfunktioniert werden kann.
Aus den vielen unterschiedlichen Perspektiven auf Genderkonstruktionen in Jugendkulturen zieht Claudia
Wallner für die Praxis sozialer Arbeit mit Jugendlichen den Schluss, Geschlechterunterschiede weder
zu negieren noch zu dramatisieren sondern in all ihrer Komplexität und Differenziertheit wahrzunehmen
mit dem Ziel, die Handlungsfähigkeit und Gestaltungsfreiheit der Mädchen mehr und mehr zu erweitern -
auch und gerade in (noch) burschendominierten Jugendszenen.
Stephanie Kiesslings Artikel bietet einen guten Überblick über Frauen in der Rock- und Pop-Musikszene.
Ebenso lesenswert sind das Selbstportrait der deutschen Musikerin Bernadette La Hengst (früher mit
ihrer Band "Die Braut haut ins Auge", nunmehr solo unterwegs), das Portrait der Rapperin
ill.One "Weder Heilige noch Hure" von Thomas Schwarz sowie das Gespräch der Herausgeberin
mit der Rapperin Pyranya.
Dunja Brills und Marco Höhns Texte geben Einblick in die durch Androgynität und Fetischismus
gekennzeichneten Gothic- und Visual Kei-Szenen.
In Ursula Bachors Beitrag geben Gedichte von Mädchen "zwischen den Kulturen" einen Einblick
in die Arbeit von MÄDEA, dem Berliner interkulturellen Mädchenzentrum und Katja Röckel berichtet über
Medienprojekte mit und für Mädchen. Viele Artikel warten mit einer anregenden Literaturliste zum
Weiterlesen auf.
Fazit: Abgesehen von einem Kritikpunkt - es fehlt ein Artikel über Mädchen in der Punk-Szene - sehr
empfehlenswert!
Riot, don't diet!
* S. 74, zit. n. Gilbert & Kile:
SurferGrrrls. In: SPoKK (Hg.): Kursbuch JugendKultur. Mannheim 1997, 220-226
Bettina Zehetner