Rezensionen
Willy Viehöfer und Peter Wehling (Hg.):
Entgrenzung der Medizin.
Von der Heilkunst zur Verbesserung des Menschen?
Bielefeld: transcript Verlag 2011
http://www.transcript-verlag.de/
Die Möglichkeit, mit Medikamenten die kognitive Leistungsfähigkeit oder die Stimmung zu verbessern,
könnte zur ethischen Verpflichtung werden, um nicht als verantwortungslos das eigene Potenzial
brachliegen lassend betrachtet zu werden so eine Zukunftsvision der entgrenzten Medizin, die sich
nicht mehr auf die Behandlung von Krankheiten festlegen lassen will sondern präventiv, verbessernd
und verschönernd in die Körper und die Psyche möglichst vieler Menschen eingreifen will. Schüchternheit
mutiert zur "Sozialphobie" und zappelige Kinder erhalten die Diagnose "Aufmerksamkeitsdefizit
und Hyperaktivität" (ADHS). Alterungsprozesse müssen mit Anti-Aging-Maßnahmen bekämpft werden,
Stimmungstiefs mit Prozac. Die genetische Diagnostik erkennt schon Erkrankungsrisiken des Fötus
im Mutterleib, für die es allerdings noch keine Therapiemöglichkeit gibt, wodurch die Information
über eine mögliche Erkrankung ihres Kindes für die Mutter/ die Eltern zu einem fast unlösbaren, in
jedem Fall belastenden Entscheidungskonflikt führt.
Mehr und mehr Techniken der Körperoptimierung werden "normal" – d.h. es wird schon fragwürdig,
wer sie nicht einsetzt, wobei es vom "body-shaping/ -styling" durch Fitnesstraining, der
Entfernung von Körperbehaarung über Tätowierung und Piercing bis hin zum chirurgischen Eingriff der
Nasen- oder Brust"korrektur" nicht mehr sehr weit ist. Kosmetische Operationen stellen für
immer mehr Menschen ein logisches und akzeptables Mittel dar, um den Anforderungen des Wettkampfs am
Arbeits- und Beziehungsmarkt besser zu entsprechen als unbearbeitet und ungeformt. Aktuelle Entwicklungen
zeigen also: Die Entgrenzung der Medizin ist ein heiß diskutiertes Thema, das einen kritischen interdisziplinären
Sammelband wie den vorliegenden gut brauchen kann.
Das Buch gliedert sich in drei Abschnitte: Im ersten Teil werden Gesundheit, Krankheit und Optimierung
körperlicher und geistiger Fähigkeiten aus medizinhistorischer Sicht dargestellt, Teil zwei bringt
Fallbeispiele zur Entgrenzung der Medizin (ADHS, kosmetische Operationen, prädiktive genetische Diagnostik
und Anti-Aging-Strategien) und in Teil drei werden Recht und Ethik als Möglichkeiten gesellschaftlicher
Gestaltung diskutiert.
Besonders empfehlenswert erscheint mir der Text "Mach mich schön! Geschlecht und Körper als Rohstoff"
der Soziologin Paula-Irene Villa.
Gerade weil es kein naturhaftes "Wesen", keine "Essenz" von Weiblichkeit gibt, muss
diese ununterbrochen beschworen und inszeniert werden – etwa in Shows wie "Germany’s Next Top Model",
so genannten "Frauenzeitschriften", Modemagazinen und Ratgeberliteratur. Sie alle vermitteln den
Imperativ "Sei weiblich!" - "Du musst das doch wollen?!" Frauen konstituieren sich selbst
fortwährend als "weiblich". Jede muss wieder und immer wieder an sich arbeiten, um als "richtige
Frau" anerkannt zu werden. Dies trifft für uns alle zu. Unsere Freiheit besteht darin, die an uns gestellten
normativen Vorgaben bewusst zu machen, sie zumindest manchmal zu verweigern und sie möglichst oft eigenwillig
zu gestalten.
Aufschlussreiches zur Schönheitsarbeit am Körper bietet auch das von Paula-Irene Villa herausgegebene
und 2008 im selben Verlag erschienene Werk "schön normal. Manipulationen am Körper als Technologien
des Selbst".
Bettina Zehetner