Rezensionen
Franz Wellendorf, Thomas Wesle (Hg.):
Über die (Un)Möglichkeit zu trauern.
Klett-Cotta-Verlag, Stuttgart 2009
http://www.klett-cotta.de/
Was ermöglicht Trauer, was verhindert sie?
Welche Umgangsformen mit individuellen Verlusterfahrungen gibt es im Alltag und im therapeutischen
Prozess?
Was kann kollektive Trauer in Kultur und Gesellschaft bewirken?
Der erste Abschnitt des Sammelbands bietet psychoanalytische Theorie und Praxis erhellende und
weiterführende Gedanken zu Sigmund Freuds Aufsatz "Trauer und Melancholie", wobei
Melanie Kleins Ansatz besondere Berücksichtigung findet.
In den folgenden beiden Teilen diskutieren AnalytikerInnen die Notwendigkeit - und gleichzeitig nie
völlige Abschließbarkeit - von Trauerverarbeitungsprozessen im individuellen Lebensalltag sowie
in der besonderen Situation der analytischen Therapie. Notwendige Brüche und Verluste in der
Lebensentwicklung von adoleszenten Ablösungsprozessen bis zum Altern zeigen die Fähigkeit zur
trauernden Verarbeitung als Voraussetzung für seelisches Wachstum und Entwicklung sowie
Trauerprozesse als Grundlage analytischer Arbeit.
Abschnitt 4 behandelt Spuren kollektiver Verlusterfahrungen im gesellschaftlichen Kontext: Scham
und Schuld im Zusammenhang mit Kriegserlebnissen.
Bereichernde Perspektiven bietet auch der letzte Abschnitt "Darstellungen von Trauerprozessen in
Kunst, Literatur und Film". Diana Pflichthofer stellt die (Un)Möglichkeit des Trostes in der
analytischen Therapie dar. Inge Kley-Hutz behandelt in ihrem Aufsatz über "Tod und Introjekt"
die berührenden Tagebücher der Schriftstellerin Joan Didiers im "Jahr des magischen Denkens"
nach dem Tod ihres Ehemanns. Die Schwierigkeit der Anerkennung der Realität des Todes als des
endgültigen Verlusts eines nahen Menschen und mögliche Wege vom passiven Leiden zum aktiven und
lebendigen Prozess des Trauerns. Christa Rohde-Dachser mit einer psychoanalytischen Diskussion von
Nanni Morettis Film "Das Zimmer meines Sohnes".
Ein fundiertes und facettenreiches Werk zum Thema Trauer - lesenswert nicht nur für AnalytikerInnen.
Bettina Zehetner